Es ist wieder so weit. Der März steht vor der Tür und mit ihm die Internationalen Wochen gegen Rassismus. Plötzlich wird es bunt in den sozialen Netzwerken. Behörden, Unternehmen, Redaktionen sowie Journalist*innen entdecken ihr Herz für die Menschenwürde. Es werden Hashtags geteilt, Statements gepostet und man klopft sich gegenseitig für die eigene Weltoffenheit auf die Schulter. Doch als Trainerin für Antidiskriminierung und als jemand, der tagtäglich gegen die Mauern unserer bürokratischen und medialen Strukturen rennt, frage ich mich:
Was passiert eigentlich am 1. April?
Der Kater nach dem Hashtag
Meine Erfahrung zeigt: Meistens passiert gar nichts. Sobald die Banner wieder im Keller verschwinden, kehrt die „April-Amnesie“ ein. Dann wird in den Medien wieder ungeniert rassistische Sprache benutzt, dann verstricken sich Entscheidungsträger*innen wieder in absurd-grausamem Behörden-Ping-Pong um Sterbeurkunden aus dem Globalen Süden, und dann werden qualifizierte Fachkräfte wieder auf ihre Herkunft reduziert, statt auf ihre Kompetenz.
Warum ist das so? Weil wir uns weigern, an die Wurzel des Übels zu gehen.
Rassismus ist kein „Upsi“, sondern unsere DNA
Wir müssen endlich aufhören, Rassismus als individuelles Fehlverhalten von ein paar „bösen Menschen“ zu betrachten. Das ist zu einfach und – ehrlich gesagt – ziemlich feige.
Rassismus ist die koloniale DNA unserer Gesellschaft. Es ist ein tief sitzendes, unsichtbares Betriebssystem, das unsere Behörden steuert, unsere Sprache prägt und unsere Wahrnehmung verzerrt. Wir sind alle in diesen Strukturen aufgewachsen. Es ist Teil unserer Sozialisation. Und genau deshalb verschwindet es nicht durch ein paar bunte Aktionswochen.
Schluss mit der Berieselung
Ich frage mich ernsthaft: Für wie dumm wollen wir uns eigentlich gegenseitig verkaufen? Wollen wir echte Veränderung oder wollen wir uns nur kurz gut fühlen, bevor wir wieder in die alten Muster verfallen?
Echte Professionalität bedeutet heute nicht, im März ein Banner aufzuhängen. Sie bedeutet:
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Den Mumm zu haben, die eigene Privilegiertheit als Weiße*r Akteur*in zu hinterfragen.
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Das Rückgrat, rassistische Sprache im eigenen Team konsequent zu benennen und zu unterbinden.
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Die Bereitschaft, Strukturen einzureißen, die nur dazu da sind, Menschen auszugrenzen, zu kontrollieren und über sie zu bestimmen.
Was ich mir für den April wünsche
Ich wünsche mir, dass wir den März als das nutzen, was er ist: Ein Trainingslager für alle Bürger*innen, Kolleg*innen und Führungskräfte. Ein Ort zum Verlernen. Aber der eigentliche Wettkampf, der Einsatz für eine gerechte Welt auf Augenhöhe, der findet im April statt. Und im Mai. Und im Dezember.
Wer nur im März „gegen Rassismus“ ist, hat das Problem nicht verstanden.
Lassen wir das Posten sein und fangen wir an zu arbeiten. Ich bin bereit. Sind Sie es auch?
